
Am Samstag den 17. Mai besuchten wir das Seminar "Supermarktweine - handwerkliche Weine" der
Gebr. Kössler & Ulbricht in der Nürnberger Weinhalle. Den Anlass und Hintergrund für diese Veranstaltung beschrieb Herr Kössler wie folgt: "Nachdem die Großfläche, vor allem die bekannten Disounter, inzwischen gut 40 Prozent des gesamten deutschen Weinumsatzes erwirtschaften und der Fachhandel erneut 2 Prozent an Marktanteil verloren hat, gehen wir der Frage nach, was an den Supermarktweinen dran ist, warum sie so erfolgreich sind und ob man den Unterschied in Preis und Qualität zwischen Discounter und Fachhandel erkennen, schmecken und riechen kann."
Eine interessante Frage für jemanden wie mich, der derzeit eher weniger als die Hälfte der getrunkenen Weine im Weinfachhandel kauft. Und mit interessanten Ausführungen über die Entwicklung des Weinmarktes in den letzten Jahrzehnten begann die Veranstaltung. Eine Entwicklung weg von individuellen kleinen Anbietern und hin zu einer Marktkonzentration, wie man sie nicht nur beim Wein, sondern in allen Wirtschaftsbereichen beobachten kann.
Dass der Begriff des Supermarktweines von K&U auf die Discounter mit Minimalsortiment bezogen war merkte man an Äußerungen, dass diese Weine nur in einem Preissegment bis max. 5 EUR angeboten werden. Ich persönlich definiere Marktkauf, REAL, Karstadt, PLUS oder die Weinabteilung von Getränkemärkten jedoch auch als Supermarkt und dort gibt es zahlreiche Weine auch in höheren Preiskategorien. Doch selbst diese Preisgrenze unterschritt Herr Kössler gerne beim Einkauf im Supermarkt. Das Gros der gekaufte Supermarktweine lag wohl unter 3 EUR. Etwas unfair - finde ich.
Geschmacksverstimmung brachte die erste Blindprobe, bei der einem grünen Veltliner für 7,20 EUR ein Fusel für 1,49 EUR gegenüber gestellt wurde. Nun gut. Es ist leicht auf die zu treten, die schon am Boden liegen. Ein Getränk, dass vermutlich ausschließlich aufgrund eines besseren Preis-Alkoholverhältnisses gekauft wird, wird wohl niemand von uns ernsthaft bei seiner Kaufentscheidung berücksichtigen. Was wollte uns Herr Kössler damit sagen? Dass man in Supermärkten untrinkbare Weine finden kann? Das hätten wir uns fast schon gedacht. Zumindest dieses Lernziel wurde zu 100% erreicht. Andererseits: Kaufen Sie wirklich Weine in dieser Preiskategorie - und wenn ja, erwarten Sie dann tatsächlich, dass sich in den soliden Flaschen ebensolcher Wein befindet?
Weiter ging es mit der Gegenüberstellung eines Soaves für 8,50 EUR mit einem Wein, der auch diese Bezeichnung auf dem Etikett trägt aber für 1,49 EUR beim Discounter zu haben ist. Man konnte deutlich feststellen, welche Charaktereigenschaften einen Soave auszeichnen, man mag sie mögen oder auch nicht. Der Discounter-Soave hingegen war nur fad und charakterlos - eine Eigenschaft die man aber nicht allen Weinen dieser Region zuzuordnen sollte. Ähnliches konnte man auch anhand der beiden Chardonnay feststellen: ein profilloser Supermarktwein des Jahres 2002 für 2,49 EUR und ein Wein, der typische Chardonnay-Eigenschaften vermittelt von K&U für 8,20 EUR die Flasche.
Es wurde deutlich, dass die industrielle Nivellierung des Geschmacks von billigem Wein auf einen massenkompatiblen Durchschnittswert die Unterschiede und individuelle Charaktereigenschaften verschwinden lässt. Vereinfacht gesagt: Schmeckt sowieso irgendwie alles gleich, manches süßer, manches saurer, manches intensiver, manches weicher. Aber Feinheiten aufgrund von Lage, Sorten, Verfahren lassen sich bei Massenweinen in dieser Preiskategorie kaum ausmachen.
Etwas diffuser wurde es nachdem die Weine sich in Bereichen zwischen 5 und 8 EUR bewegten. In dieser Einstiegspreisklasse von K&U darf man sich jedoch auch hier keine allzugroßen Genußerlebnisse erwarten.
Es folgte eine abwechslungsreiche Gegenüberstellung von Weinen verschiedener Lagen und Preiskategorien, die zumindest mir - kaum noch vernünftige Schlüsse ermöglichten. Rioja für 2,29 EUR gegen Cabernet-Merlot für 5,90 EUR; Welches Kriterium für die Gegenüberstellung herangezogen wurde, konnte ich teilweise nicht nachvollziehen. Es war zumindest nicht der Preis, meist auch nicht die Lage, oft nicht die Rebsorten, und selten der Charakter. Ich hätte mir schon gewünscht, dass man sich z.B. bei der Suche nach einem Sparringspartner für den 7,90 EUR teuren Montepulciano d´ Abruzzo des Jahres 2000 auf einen Supermarktwein in der gleichen Preiskategorie macht und nicht einfach einen 1,99 EUR Wein angeblich gleicher Herkunft daneben stellt. Oder erschien Herr Kössler dieser Vergleich dann doch zu riskant?
Somit war der "Pflichtteil" der Veranstaltung für mich etwas enttäuschend verlaufen.
Doch Herr Kössler wäre nicht der Weinfreund und Geschäftsmann, verstünde er es nicht die Menschen von seinen Ideen und seinen Visionen zu begeistern. Und so kamen wir im letzten Teil der Veranstaltung in den Genuß einiger ganz außergewöhnlicher Naturweine aus seinem Sortiment. Weine, die unter höchsten Ansprüchen an handwerkliche Fertigung hergestellt wurden. Natürliche Weine, teilweise ungekühlt vergohren und unfiltriert abgefüllt, trübe aber überwältigend in der Geschmacksfülle.
Noch kein Wein vorher hat es bei mir geschafft so intensiv zu wirken, dass plötzlich - Stunden nach der Probe die Erinnerung an den Geruch und den Geschmack wieder so bewusst und präsent wird, dass man glauben könnte man hätte den Wein noch auf der Zunge.
Es gibt tatsächlich außergewöhnliche Weine in der Preiskategorie jenseits der 20 EUR die Flasche.
Und ich für meinen Teil werde zukünftig sicher nicht nur meinen Konsum mittelmäßiger Weine reduzieren sondern mir ab und an auch mal was richtig Feines gönnen - und das bekommt man wirklich nicht im Supermarkt.
Also: Vielleicht doch 4 Tage Wasser trinken und am fünften Abend 1 Flasche Chardonnay Limoux, Christian Meuser 1999 als Alternative zu 5 Tagen australischem ALDI-Chardonnay?
Ralph Lindner